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Wie eine werteorientierte Führungskultur Organisationen resilienter macht

Eine kritische Auseinandersetzung in Krisenzeiten von Martina Stolz (People Development & Learning).

von  Martina Stolz
29.04.2020

Werteorientierte Führung fördert organisationale Resilienz

Lange geahnt, doch nie wirklich erprobt. Wie wir heute wissen, haben wir eine Krise, wie wir sie gerade erleben, glücklicherweise noch nie vorher erfahren. Dass wir eine Situation solchen Ausmaßes nicht erneut erleben werden, da können wir uns mittlerweile nicht mehr so sicher sein. Sicherheit, sich in Sicherheit wähnen, sich sicher sein, wir sind uns alle nicht mehr sicher, was das bedeutet. 
Eines ist gewiss, auf die Frage “Was heißt organisationale Resilienz” hat die Iso Norm zumindest eine wissensvermittelnde Antwort:

„Organisationale Resilienz ist die Fähigkeit einer Organisation, etwas abzufedern und sich in einer verändernden Umgebung anzupassen, um so ihre Ziele zu erreichen, zu überleben und zu gedeihen. Resilientere Organisationen können Risiken und Chancen – aufgrund von plötzlichen oder allmählichen Veränderungen im internen und externen Kontext – antizipieren und darauf reagieren.“ - ISO-Norm 22316:2017, Übersetzung Jutta Heller

Corona fordert genau das von Unternehmen und Führungskräften aktuell ein: ohne zeitlichen Vorlauf anpassungsfähig sein. Von jetzt auf gleich auf Remote Arbeiten umsatteln. Teams und Individuen an ganz unterschiedlichen Stellen dieses Planeten (mit unterschiedlich großen oder kleinen Gästen im Hintergrund) in einem virtuellen Raum wieder vereinen. Am liebsten natürlich ohne Ergebnis-, Effizienz-, Loyalitäts und Identitätsverlust. Ein Kraftakt, wie viele deutsche Unternehmen jetzt wissen.

Wer als Führungskraft nach wie vor denkt, über Kontrolle oder Micro-Management Ergebnisse mit Menschen erzielen zu können, der ist wahrscheinlich langsam aber sicher am Rande seiner oder ihrer Kräfte angekommen. Was Jahrhunderte funktionierte, ist aktuell nicht mehr gefragt.

Viel mehr schaffen die Führungskräfte, die schon vor Corona echtes Leadership gelebt haben, einen deutlich leichteren Umstieg auf aktuelle Arbeitsformen und Arbeitsmodelle. Denn um Ergebnisse mit Menschen zu erzielen, werden Raum und Zeit aufgelöst. Die von allen Deutschen geliebte 9 to 5 Regel hat ihre Bedeutung bis auf Weiteres verloren. Aus “Gearbeitet wird, weil gearbeitet werden muss”, ist “Gearbeitet wird, wenn gearbeitet werden kann” geworden, und hier ist nicht nur die zeitliche Dimension gemeint, sondern sämtliche Rahmenbedingungen für eigenverantwortliches Arbeiten. 

Empathie ist nicht nur was für Frauen

Empathie und Vertrauen, ureigene Werte der Menschheit, werden neben der Kompetenz Struktur und Ziele zu setzen und den berühmten sicheren Rahmen zu geben, zu den wichtigsten Führungskompetenzen dieser Zeit. Wer das vor Corona schon wusste, ist heute klar im Vorteil. Hier kommt es aber tatsächlich auf das perfekte Mischungsverhältnis an. Vertrauen auf das eigenverantwortliche Gestalten der Mitarbeiter darf ebenso wenig in Nichts-Tun und Kontaktlosigkeit enden, wie gut gesteckte, priorisierte Ziele nicht in übertriebenem Aktionismus. Es ist nicht die Zeit zu beweisen, dass man es gerade jetzt drauf hat.

Und wie ist das mit der Empathie? Hier wird es besonders spannend. Denn im organisationalen Kontext ist damit nicht die grenzenlose Nächstenliebe oder gar pures Mitleid gemeint. Gemeint ist, als Führungskraft zu verstehen, was der einzelne Mitarbeiter in der aktuellen Situation braucht. Das Individuum und seine Bedürfnisse wahrnehmen, unabhängig von Position, Alter, Status.

Aufschlussreich ist hier schon die nähere Betrachtung einer im Remote Arbeiten klassischen Situation: ein Team-Update, eine Videokonferenz, 10 Mitarbeiter, ein (meistens) gut funktionierendes technisches Tool, mehr oder weniger ausgeprägte Sicherheit im technischen Handling, 10 verschiedene Arbeitsplätze, vom perfekt durchdesignten Homeoffice bis zur freien Ecke in der Besenkammer (weil da wenigstens Ruhe ist), mindestens ein Hund, ein Kind und ein Postbote, welche zwischendurch im Bild erscheinen, 10 verschiedene Persönlichkeiten mit 10 verschiedenen Lebenssituationen. An vielen Tagen der einzige Kontaktpunkt zwischen Führungskraft und Mitarbeiter und damit der einzige visuelle und/oder kommunikative Anker.

Klar im Vorteil ist die Führungskraft, die Gestik, Mimik, Tonfall und Körperhaltung richtig deuten kann. Denn sie entwickelt ein gutes Gefühl dafür, wie man mit welchem Mitarbeiter am besten umgeht, um gemeinsam Ziele zu erreichen. Aber auch dafür, wann Hilfe und Unterstützung gefragt sind, vor allem bei den Menschen, die selten und äußerst ungern um Hilfe bitten.

Denn Empathie heißt zu großen Teilen auch Antizipation. Das heißt, dann aktiv einzugreifen, Feedback zu geben, eine Entscheidung zu treffen oder einfach nur da zu sein, wenn Bedarf entsteht. Eines der schwierigsten Unterfangen des menschlichen Seins. Wie gut, dass es mittlerweile dafür effektive Trainingsangebote gibt. Denn was bisher meist als Kernkompetenz vorrangig Frauen und Menschen in pädagogischen, psychologischen oder pflegerischen Berufen zugeschrieben wurde, wird aktuell zum Überlebenselixier für Unternehmen bzw. deren Führungskräfte.

Corona als Evolutionsbeschleuniger im Thema Leadership

Werteorientierte Führung, also Führung durch Sicherheit/Struktur/klare Ziele, als auch Vertrauen und Empathie sind keine Weltneuheiten. Über Begrifflichkeiten wie Agile Leadership, Management 3.0, oder eben den Begriff der werteorientierten Führung, wurde gerade im Umgang mit VUCA oder der berühmt berüchtigten Generation Z viel gesprochen, gecoacht, geprobt und wieder verworfen, trainiert. 

Die aktuelle Corona-Situation gibt der Weiterentwicklung und Veränderung von Führungsverhalten einen echten, nur schwer rückgängig zu machenden Boost. Denn es ist keine Wahl, keine Option neben vielen anderen, sondern ein echtes Paradigma unserer Zeit. Und in manch existenzbedrohender Situation sogar überlebensentscheidend.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx spricht gar von Corana als “Evolutionsbeschleuniger”. Träumt schon so manch eigenverantwortlich handelnder Arbeitnehmer von Extremszenen wie Holokratie oder der Abschaffung vom Konstrukt “Führung”, so kann zumindest aktuell Hoffnung auf eine spürbare Weiterentwicklung geschöpft werden. Denn Führungsverhaltensweisen, die bisher nur in wenigen Unternehmen zu finden waren, sind  nun nach kurzer Zeit schon fast nicht mehr wegzudenken. Und über die Resilienzthematik könnte sogar eine stärkere empirische Evidenz erlangt werden.

Die Krise ist ein produktiver Zustand

In was sollten Unternehmen, klein oder groß, Start-Up oder alteingesessener Konzern, also in Zukunft unbedingt investieren? Eindeutig in eine bewusste, resilienzfördernde Art der Führung. Denn es bleibt nun mal dabei – der Mensch macht den Unterschied. Und in Zeiten von Remote Arbeiten, erzwungen oder frei gewählt, bekommt das erforderliche Vertrauen in Mitarbeiter, dass Zeit zielorientiert genutzt und Ergebnisse erzielt werden, eine vorher nie geahnte Bedeutung. Der alte Spruch ist abgelöst. In individuell geschaffenen Rahmenbedingungen, lautet heute und in Zukunft die Devise eines eigenverantwortlichen Mitarbeiters: “Wenn gearbeitet werden kann, wird gearbeitet”.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft, wird Resilienz immer mehr zur Kernkompetenz für Organisationen werden, auch unabhängig von Corona. Denn Märkte, Kundenanforderungen und technischer Fortschritt werden sich jederzeit wieder unvorhergesehen, schnell und volatil entwickeln können. “Die Krise ist ein produktiver Zustand, man muss ihr nur den bitteren Beigeschmack der Katastrophe nehmen”, so schon Max Frisch.

Zu welchem Ergebnis führt Ihre Führungsarbeit? Produktivität und Kreativität oder Chaos und Feuerlöschen? Trauen sie sich, und schauen sie genau hin! Auch wenn es manchmal schmerzt – in der nächsten Krise werden Sie es sich danken!


Der Beitrag von Martina ist ursprünglich hier erschienen.

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